Alle nennen mich J - NMI/Messitsch 3/1992

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Die Zeit heilt alle Wunden. Wir hier bei uns wissen davon, denn jene Kerben, die uns das System geschlagen hat, gehören einer verklärten Vergangenheit an, der wir gern, am Café-Tisch, gedenken. Die neue Zeit hinterläßt bereits ihre Spuren. Von diesen neuen Unbilden zu berichten obliegt den Medien. Aber was müssen wir feststellen! Die bohren in alten Malen, lassen uns nicht den Gerinnungsprozeß des Vergessens und Verklärens forttreiben. Stasi und Wessi, alle blättern in vergilbten Akten derweil das vergilbte Braun auf deutschen Glatzen seinen schalen Schimmer auf das aufschwingende Leben des östlichen Germaniens wirft.

Aber da fliegt ein schillernd weißes Blatt Papie aus dem Fexgerät. In strahlender Reinheit wird uns verkündigt: "Germany is Fascist down again" oder so. Der "Germany Alert" bringt uns Berichte von braunen riots im alten deutschen Land und erzählt uns von bösen Westlern, die den Ossis alles zerstören und von deutscher Großmacht in Kroatien. Das Blatt wurde aus dem rot/weiß/blauen Paris gefaxt und da und dort lesen wir das Kürzel J. ... You remember J.?

J., den aufstrebenden Popstar an der Unterkante des Ostrocks, der Katharina Witt der DDR-Szene in Spee. Damals, als der dicke Mann, der Jahre vorher mit einem Batzen Westkohle das Stasi-Country schon mal genarrt hat, als er CITY zu den Peter Schreiers des Ost-Beat machen wollte, wiederkehrte und den Büttners (zur Erinnerung: Büttner waren die Brüder, wo der eine Amiga und der andere den Palast der Republik unter sich hatte) dieser Welt wieder einen Star abluchsen wollte. Klar, daß Stars nicht per unbefleckter Empfängnis das Licht der Welt erblicken. Jedenfalls durfte J als aufstrebender Solist die Welt erblicken und in luxuriöser Athmosphäre die babylonischen Worte erlernen. Jack "Krull" Reiley hat sich in den Wendewirren aus den Augen entfernt und mit ihm Jens Müller, der Jungstar. Am Telefon erzählte mir J nun endlich die Wahrheit...über die Gründe des Mißerfolges seiner ersten LP.

"Dadurch, daß sich sehr viel verändert hat, im Leben in der DDR, gab es natürlich auch für mich große Veränderungen. Aber die Platte hat sich ja trotzdem sehr gut verkauft, in der DDR. Es wurden jedenfalls zwei Auflagen von Amiga herausgebracht. Auf jeden Fall über 30.000 Platten."

Hast Du Deinen Weg, der mit dieser Platte begonnen wurde, danach vortgesetzt? "Dadurch, daß sich die Verhältnisse so grundlegend geändert haben, habe ich gleich damit angefangen, neue Songs zu schreiben. Aber auch alte Songs zu verändern, für eine neue Platte, die seit dem vorbereitet wird."

Natürlich hat es J. im Laufe der Zeit auch in andere Gegenden der Welt verschlagen. Venedig ist da als Sahnehäubchen im Spektrum nachhaltiger Eindrücke zu verstehen. Jetzt ist J. in Paris, lebt dort im 11 Bezirk und macht "internationale" Musik. "Gerade, weil hier viele Leute von allen Nationalitäten leben. Das beeinflußt die Musik natürlich sehr stark. Und wo ich hier wohne, konzentriert sich das besonders. Und man versteht sich hier wunderbar, ganz anders, als man das aus Deutschland kennt."

Wie passiert es, daß Du in Paris englischsprachigen Hip Hop produzierst? "Das hat weniger mit Paris zu tun. Das hat mehr mit internationaler Musik zu tun, weil ich viele gute Sachen gehört habe, aus dieser Rap-Ecke... Das hat eben die Musik beeinflußt. Und dann gibt es auf der Platte nicht nur Hip Hop. Da gibt es auch melodiöse Sachen..."

Wenn er eine Company gefunden hat, wird sich auch für uns eine Gelegenheit ergeben, zu erleben, welche Musik J. denn nun wirklich heute macht. Er sagt, daß er auch manchmal in die alten Tapes von den anderen und den anderen anderen Bands reinhört. Aber natürlich ist dafür nicht viel Zeit.

Denn, wie gesagt, J. ist als junger Journalist dazu berufen, die Welt über die wahren Dinge in Deutschland zu informieren. "Ich hatte die Idee vor ungefähr einem Jahr, weil ich gesehen habe, daß hier in Paris oder in anderen Teilen der Welt keine, oder nur sehr ungenaue Nachrichten aus und über Deutschland vorhanden sind. Sachen, wie Naziattacken, plötzliche Arbeitslosigkeit, Leute, die ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können. Ich dachte, mir, daß man die Welt darauf aufmerksam machen muß, daß darüber informiert werden muß. GERMANY ALERT ist ein Fax-Newsletter. Da werden per Fax ein oder zwei Seiten, ca. dreimal in der Woche an viele Leute in Europa und Amerika verschickt. Leute, die die Nachrichten auf irgendeine Weise verbreiten könnten." "In einem Kommentar habe ich mich beispielsweise vom rechtsradikalen Deutschland distanziert. Von Sachen, die da passieren, die von der Deutschen Regierung gemacht werden. Und da kann ich schon schreiben, daß ich mich schäme, Bürger eines solchen Landes zu sein..."

Lutz Schramm