Die glorreichen Achtziger - Messitsch 5/1990

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Messitsch-Autor Mark Modsen hat in der zweiten Jahreshälfte 1990 in der Serie "Die glorreichen Achtziger" verschiedene Aspekte der (vor allem Berliner) Independent-Szene der späten DDR beleuchtet. Dies ist der vierte Teil der Serie.

Teil 4: Burning Youth To Ashes. Ein Versuch über Hard Pop

Ich muß gestehen, daß ich mich verkalkuliert habe. Da wollte ich nun schön chronologisch über die Ostberliner Indie-Szene schwafeln und muß nun feststellen, daß spätestens ab 1986 die Facts so umfangreich werden, daß man sie nicht mehr ohne größere Unterlassungssünden verdichten kann. Deshalb wird ab sofort nach folgender Strategie verfahren: Sortiert werden die Combos nach "Dunstkreisen", also nach dem Prinzip "Mutterschiff und Satelliten" oder "rate mal, welche Musiker zur gleichen Zeit in wieviel Bands spielen". Den Anfang macht nicht ganz zufällig die Gruppe Hard Pop.

Das hatten die Organisatoren des "Musikanten Klubs" im Berliner Prater an der Kastanienallee dann doch nicht gewollt. Zur Einstufung der Gruppe Rosa Extra erschienen in Scharen schwarz gekleidete und bunt gefärbte Sympathisanten und drohten, das sich exklusiv gebende Mugger-Meeting (Eintritt nur mit Spielererlaubnis) in ein pogostampfendes Chaos zu verwandeln. Der Auftritt kam doch zustande, und von der Bühne herab verkündete nach köpferauchender Beratung der Jury der Sprecher des Berliner Hauses für Kulturarbeit Wolfgang Friedrich die Sonderstufe für das Ensemble. Die Freude darüber verflog, als den umgehend zum Rapport zitierten Musikern unmißverständlich nahegelegt wurde, den anstößigen Gruppennamen schleunigst zu wechsein. Aus Gnatz veranstalteten die Mitglieder der Gruppe auf einer Party ein Preisausschreiben der blödesten Ideen und tauften das mißhandelte Kind auf den Namen Hard Pop. Die Urbesetzung mit dem Sänger Thorsten Philipp, Bassisten Ed Hirsch, Gitarristen Stephan Hachtmann, Trommler Günther Spalda und Saxophonisten Ralf Lepsch probten im Frühjahr 1984 an den Wochenenden in Mammutsessions zu je 12 Stunden im Hinterzimmer einer kleiner Wohnung in der Fehrbelliner Straße, weil "Lehrer" Lepsch In Leipzig noch seinen Pauker zu Ende machen mußte. Nach solchen Kraftaufwendungen muß der erste Auftritt der hoffnungsvollen Amateurkapelle mit druckfeuchter Spielerlaubnis als Tritt in den Arsch gewertet werden. Mit einem Repertoire von zwölf Titeln sollten sie in einem kleinen Marktflecken zum Tanz für "Jung und Alt" aufspielen und mußten von der Saalordnerschaft vor den Ausfällen erboster Bauernlümmel geschütztwerden. Dennoch gelang es einem besoffenen Typen, auf seinen Krücken hinter die Bühne zu humpeln, selbige dem Saxophonisten in die Seite zu rammen und ihm zuzuzischeln: "Wenn ihr nich gleich Puhdys spielt, hau ich dir eine auffe Fresse!"

Unter solchen Umständen Beharrungsvermögen zu entwickeln, ist sicher nicht leicht.

Im Sommer 1984 wechselten Sänger und Bassist, Tieftonartist war für ein Jahr der Gitarrist Michael Fritz Zickert, der später die Gruppen ZART, Teurer denn je, Fett und La deutsche Vita mitbegründete. Der Sänger Thorsten Philipp machte nach seinem Weggang mit bescheidenem Equipment erstaunlich gute Aufnahmen von Bands wie Aufruhr zur Liebe, Happy Straps und Feeling B sein Nachfolger Arnim Bautz, der wie Zickert im Sommer '85 wieder ausschied, produzierte später mit Vier-Spurtechnik ebenfalls etliche Gruppen der Indie-Szene.

Nach längerer Suche entschied sich Bandchef Spalda für den Sänger Frank Tetz und besetzte den Bass mit dem siebzehnjährigen Christoph Zimmermann. Doch im Januar '86 mußte schon wieder ein neuer Frontmann eingearbeitet werden. Tetz war nach Handgreiflichkeiten mit einem Hüter von Macht und Gesetz in einem Schnellverfahren kurzerhand für ein halbes Jahr eingebuchtet worden, In ähnlicher Eile wurde jetzt mit dem Leipziger Michael Matthies geprobt; ganze zehn Tage standen ihm zur Verfügung, um sich das ganze Material draufzudrücken. Dabei erwies sich der Lou Reed-Liebhaber und Baghwan-Verehrer Swami Darma Ayara alias Banane als zäher Brocken. Er schaffte es, sich durchzusetzen und sich die Songs gewissermaßen auf den Leib schneidern zu lassen. Seine tiefe und ruhige Stimme stand jedoch in krassem Gegensatz zu seinen Allüren, die er sich mehr und mehr erlaubte. Er erklärte fortwährend seinen Ausstieg, um sich in seiner Unverzichtbarkeit bestätigen zu lassen, konnte sich aber nicht recht finanziell unabhängig machen, Matthies verließ die Gruppe zur selben Zeit wie der Gitarrist Stefan Hachtmann.

Der faßte den endgültigen Entschluß, in den Westen zu gehen, versprach aber, seinen Ersatz selbst einarbeiten zu wollen. Günther Spalda überzeugte den bei der Mainstreamcombo Pardon spielenden Stefan Biniek und trimmte ihn im Verein mit Hachtmann auf den Hard Pop-Kodex. Nach dem unergiebigen Zwischenspiel eines unfähigen Vokalisten nahm ein geläuterter Frank Tetz bei Hard Pop wieder das Mikrophon in die Hand, bis die Band sich nach Zank und Krach kurz vor einem Konzert auf der Insel der Jugend im September 1987 faktisch auflöste. Spalda versuchte mit aller Kraft, die Gruppe am Leben zu erhalten. Er verpflichtete den Electro Artist-Drummer Martin Leeder ans Schlagzeug, hing sich den Bass um und nuscheite ins Mikro; dieweil ihm Bienek, schon beschäftigt mit seiner Band This Pop Generation noch die Treue hielt. Nach den Aufnahmen zum Amiga-Sampler "die anderen Bands" verschwand auch diese fade-out Version in der Versenkung. Ein Jahr später gab es eine kurzzeitige Reunion unter dem Namen Gorki Park, die sich wahllos aus dem Repertoire von Hard Pop, Cry (Projekt von Christoph Zimmermann) und B.R.O.N.X. (Projekt von Günther Spalda) bediente, um ein bißchen Geld zu machen.

Nicht nur das Publikum hatte mit den fortlaufenden Besetzungswechseln seine Schwierigkeiten. Die Kreativität im musikalischen Bereich tendierte zunehmend gegen null. Bei Hard Pop wurden keine Songs eingeprobt, sondern Musiker. In den Jahren 1985 bis 1987 entstanden ganze 3 neue Titel. Brachten die Musiker Eigenkompositionen zu den Proben, zerpflückte sie Bandhäuptling Spalda unbarmherzig, um sie letztenendes als nicht stilgemäß zu verwerfen. An seiner starren Haltung und seiner offensichtlichen Unfähigkeit, zu kommunizieren, scheiterte manch vielversprechende Personalkonstellation der Gruppe.

Gitarrist Hachtmann fungierte oft als "Übersetzer" zwischen ihm und den übrigen Musikern und hielt die Band organisatorisch zusammen. Dabei war Spalda ein in höchstem Maße intellektueller Mensch, sehr sensibei und außergewöhnlich gut informiert über Musik und Literatur. Aus Mecklenburg kommend, zählte er in den frühen Achtzigern zu den Freaks, die zu den ]azzfestivais wallfahrteten. Seine materielle Situation war mehr ais dürftig. Seine Kleidung war oft geliehen, und zu den Proben brachten die Musiker manch mal Essen mit. Saxophonist Lepsch über Spalda: "Einer der wenigen in der DDR, der die ganze Härte lebte und bedingungslos künstlerisch umsetzte". Der Aussage wäre einiges hinzuzufügen. Spaldas kreativste Phase lag vermutlich in der Kellerepoche der Urbesetzung von Rosa Extra.

Die Verbitterung über seine kargen Lebensumstände führten dann auch zu halbgewalkten Liaisons mit sich liberal gebenden Kulturfunktionären, die letztlich nie etwas brachten. Die unkonventionelien Adaptionen einiger Brechttexte provozierten den Clinch mit den Kulturstalinisten, die sich sonst um Brechtsche Gesellschaftsinterpretationen einen Dreck scherten.

Aber heilige Kühe soll man nicht ungestraft melken. Die FDJ-Kreisleitung Berlin-Mitte echauffierte sich über .... ein doch recht zweifelhaftes Brechtprogramm", der Stadtbezirk Weißensee erteilte gar Auftrittsverbot (siehe Teil 1). Auch Kästnervertonungen und freche Eigentextungen erzeugten Mißgunst bei den beamteten Schreibtischtätern. Doch die Anfeindungen trugen weniger zum instabilen Klima der Gruppe bei als die künstlerischen und menschlichen Spannungen. So wurde Hard Pop die Talenteschleuder der Berliner Independent-Szene. Das Mega-Projekt New Affaire entstand unter der Regie des Ex-Sängers und Produzenten Arnim Bautz, Stefan Bienek stellte nach dem Ende seiner Band This Pop Generation mit dem City-Trommler Klaus Selmke und dem zum Bassgitarristen avancierten Jazzer Conny Bauer das Projekt Electric Gipsy zusammen, das leider nur wenige Male auftrat. Stefan Hachtmann mischte bei den Ergüssen des singenden Poeten Sascha Anderson mit, schuf das Projekt Reuter und spielt heute bei Stan Red Fox. Christoph Zimmermann vertrieb sich die Zeit bei Feeling B und Kashmir und tobte sich bei Cry als Bandchef und Sänger aus. Frank Tetz fusionierte seine Band Yeah Yeah Yeah mit Cry zu Fat Sheik. Saxophonist Ralf Lepsch ging nach dem Zerwürfnis vom Herbst 1987 zu den anderen und blies bei Cold Step und This Pop Generation. Swami Darma Banana pflegte wie in alten Leipziger Zeiten seinen Kashmir, ging später nach Indien und plant heute eine Wiederauferstehung des exklusiven Stoffes.

Hard Pop gehören mit Gewißheit zu den Klassikern der DDR-Musikszene der Achtziger. Was aus ihnen hätte werden können, wenn die Kreativität der Musiker in der Band mehr Raum gefunden hälle, läßt sich leicht ausmalen. Doch da es kaum repräsentative Aufnahmen, geschweige denn eine Platte von ihnen gibt, wird in absehbarer Zeit mit dem Namen Hard Pop wohl kaum noch jemand was anfangen können.

Mark Modsen

Fotos von Hard Pop 1985-1987

Ein kleines Fotoalbum www.flickr.com