Kategorie:Parocktikum

Aus Parocktikum Wiki

Hier aufgeführt sind alle im Wiki dokumentierten Bands, die zwischen März 1986 und Februar 1993 auch im Programm der Radiosendung "Parocktikum" nachweislich mindestens einmal gesendet wurden. (Anmerkung: Grundlage sind die online verfügbaren Playlisten der Sendung, das sind etwa 90 Prozent von allen. Zu berücksichtigen sind außerdem fehlerhafte und nicht mehr nachvollziehbare Zuschreibungen von Bands.)

Parocktikum als Kategorie im "Parocktikum"?

Diese thematische Kategorie ist der sytematisch zum Scheitern verurteilte Versuch (!), den ursprünglichen Anspruch des Wiki, das heißt den mehr oder weniger offiziellen musikalischen "Untergrund" der DDR, so komplett wie möglich abzubilden. Gleichzeitig lassen sich aber damit die offensichtlich zwischen Anspruch und Realität klaffenden Widersprüche besser aufklären bzw. erläutern.
Durch die bisherigen Recherchen ist eindrucksvoll belegbar, dass die tatsächlich existierende alternative Band-Szene im genannten Zeitraum in der DDR wesentlich umfangreicher war, als das "Parocktikum" (die Radio-Sendung) je auch nur annähernd hätte präsentieren können. Von den unten aufgeführten Bands und Musikern wurden lediglich rund 100 bis Dezember 1989 im Programm präsentiert. Das lag nicht alleine an der logischerweise begrenzten Sendezeit, sondern hatte ebenso immanente zeit- und mediengeschichtliche Gründe. Lutz Schramm als konzeptioneller Kopf, Programmgestalter und Moderator in Personalunion wollte zunächst vor allen Dingen aktuelle musikalische Sounds & Strömungen präsentieren, die im Rundfunk der DDR bisher kaum bis gar keine Präsenz hatten. Dabei ging es implizit auch um eine Abgrenzung zum systemübergreifend allgemein dominierenden Rock & Pop "Mainstream" im Radio. Warum zu diesem Zeitpunkt (Mitte der 1980er Jahre) einem Moderator eines DDR-Mediums überhaupt ein derartig weitreichendes Eigenhandeln mit offensichtlichen Widersprüchen zur bisherigen Medienpolitik (z.B. den hohen Anteil von Musik des westlichen Auslands, die noch dazu inhaltlich bis dahin als größtenteils "negativ/dekadent/subversiv" abgestempelt war) zugebilligt wurde, hatte in der damaligen kultur- und jugendpolitischen Staatsräson liegende, komplexe Gründe. An dieser Stelle soll ausschließlich betrachtet werden, ob und wie die von Lutz Schramm gestalteten Freiräume auch zu der im Rückblick immensen Belebung der "Untergrund-Szene" in der DDR beigetragen haben.
Bereits in der allerersten Sendung am 27. März 1986 war mit einem Titel von Hard Pop die Produktion einer DDR-Band zu hören (neben zwei ungarischen Formationen aus dem Wave/Avantgarde-Bereich). Sicher mehr als programmatisches Statement statt als anzustrebenden Fokus verstanden, mangelte es danach für die weiteren neun Sendungen im Gründungsjahr 1986 (Senderhythmus einmal monatlich) schlicht an sendefähigem Material. In diesem Zeitraum kamen sporadisch noch Aufruhr zur Liebe, Teurer denn je und die anderen zu Gehör, außerdem wurden einzelne, bereits etablierte Bands aus dem Grenzbereich zum staatlich sanktionierten Ostrock gesendet wie z.B. Pankow, Possenspiel oder Amor & Die Kids, sowie einheimische "Post-NDW" Gruppen wie Juckreiz, Keks, WK 13, Prinzz, die Gaukler Rock Band und Scheselong.
Ab Frühjahr 1987 kam es diesbezüglich zu drastischen quantitativen und qualitativen Veränderungen. Mit der wachsenden Bekanntheit des Programms und ermutigt durch die bereits gesendete Musik wurde Lutz Schramm direkt von Musikern und Bands aus der ganzen Republik mit Demo-Aufnahmen beliefert, auch deren sendefähige Qualität hatte sich als indirekte Folge der landesweiten jugendpolitischen Öffnung stark verbessert. Bereits im März 1987 debütierten mit Kaltfront, Sandow und AG Geige drei dominierende Vertreter der erst wesentlich später so bezeichneten "anderen bands" im Programm, kurz darauf gefolgt von Rosengarten, Die Art, Neu Rot, Die Vision und Der Expander des Fortschritts. Alle genannten Bands definierten sich in vollkommener ästhetischer und personeller Abgrenzung zum Ostrock jeglicher Couleur als "Untergrund", waren aber zumindest durch eine Einstufung bereits einen Minimalkompromiss mit den Bedingungen staatlich akzeptierter Jugendkultur eingegangen. Der dabei zugrunde liegende Wunsch nach einer verbesserten öffentlichen Wahrnehmung reichte vom inhaltlichen, individuell/kritischen "Sendungsbewusstsein" über ein teilweise weit reichendes Kunst-Selbstverständnis bis hin zum ausgeprägten Popstar-Appeal. Aber auch eine hermetisch und unbedarft vor sich hin werkelnde Homerecording-Szene, wie z.B. D.A.M., Die Vandalen, N.O.R.A. alias T.N., B. B. Paranoia, Daniel Rund, Flayer, Nirmana oder Der Versuch, drängte mit ihren Produkten in die Sendung, bis hin zu Projekten wie Neues Werk, die vorgeblich sogar eigens für die Präsentation im Parocktikum ins Leben gerufen wurden. Erstmals konnte am 21. Mai 1988 eine komplette Sendung ausschließlich mit DDR-Gruppen gestaltet werden.
Durch weiterführende konzeptionelle Planung, aber auch begünstigt durch die pompös ausgerichteten "750 Jahre Berlin" Feierlichkeiten, konnte das Parocktikum bald selbst exklusives Material für die Ausstrahlung generieren. Im Oktober 1987, als die AG Geige mit einem Aufnahme-Mobil des Berliner Rundfunks und Lutz Schramm als Produzent live in einer Galerie in Karl-Marx-Stadt mitgeschnitten wurde, begann die Herstellung regelmäßiger "Parocktikum-Live-Sessions". In Berlin folgten die anderen und Die Art (11/87), Rosengarten (12/87), Das Freie Orchester (?/8?), Die Skeptiker (2/88), Zorn (in Leipzig 3/88), Der Expander des Fortschritts (6/88) und Mad Affaire (7/88). An der gescheiterten Realisierung einer Live-Session mit Kaltfront lassen sich aber auch die fortbestehenden Widersprüche aufzeigen: ein halbes Jahr lang versuchte Lutz Schramm zwischen der prinzipiell aufgeschlossenen Band und dem Textlektorat des Rundfunks, das wegen der expliziten Songs mit übergriffigen Änderungswünschen daherkam, zu vermitteln. Da sich die Fronten verhärteten und er den Dresdnern keinen faulen Kompromiss zumuten wollte, wurde die Produktion komplett abgesagt.
Ab Mai 1988 wurden auch hochwertige Studios des Rundfunks in Berlin für Aufnahmeproduktionen von Cadavre Exquis, Herr Blum, die anderen, Hard Pop und weitere zugänglich gemacht. Der stark angestiegene Anteil von DDR-Gruppen im Parocktikum-Programm ab 1987 lässt sich ebenso mit diesem perfekt sendefähigem Material erklären, allerdings spielten gleichzeitig nur eine Handvoll Bands hierbei eine extrem überdurchschnittliche Rolle. Zum Beispiel die anderen tauchen 1987 rekordverdächtige 27 Mal in den Playlisten auf, statistisch also in nahezu jeder Sendung dieses Jahres! Neben eindeutigen Präferenzen des Moderators, zu denen auch Die Skeptiker und AG Geige gehörten, trugen allerdings auch Hörerwünsche zu dieser Unproportionalität bei.
Kaum abgebildet im Programm blieb hingegen Musik aus Jugendszenen, die sich aus eigener Definition oder durch staatliche Repression als politische Opposition verstanden. Für die meisten Bands mit diesem Anspruch und/oder schlechten Erfahrungen mit der "Obrigkeit" war eine Zusammenarbeit mit einem als Teil des Staates identifizierten Rundfunk vollkommen undenkbar. Einige, die trotzdem ihre Kassetten an das Parocktikum geschickt hatten, gingen nicht auf Sendung weil Lutz Schramm das vermutlich von den Musikern unkalkulierte Risiko, für eine öffentliche Darbietung kritischen Inhalts belangt zu werden (ungeachtet auch seiner eigenen Sicherheit), zu deren Schutz ablehnte. Zu den wenigen Ausnahmen zählte die Saalfelder Band Gefahrenzone (Sende-Debüt Mai 1987), die trotz fehlender Einstufung und umfangreicher Observation durch die Staatssicherheit mehrfach in der Sendung auftauchte. Die gleichfalls im Fokus der Stasi stehenden Fanatischen Frisöre liefen dagegen im Oktober und November 1988 zunächst unbehelligt im Programm, erst danach führten Nachfragen der zuständigen Bezirksverwaltung des MfS zu einer Untersuchung, die für Schramm zum Glück folgenlos blieb. Weitere Gründe für die fehlende Präsenz oppositioneller Musik im Parocktikum waren mit Sicherheit aber auch der oft kunstlos-raue Punkrock und die, wegen der Attitüde wie auch der damit verbundenen mangelnden technischen Möglichkeiten, mangelhafte Aufnahmequalität. Deutschsprachige Punkbands, welche diese beiden Kriterien vermeiden konnten und die aus unterschiedlichen Gründen weniger Berührungsängste mit dem Ostradio hatten, tauchten ab Anfang 1988 erst sporadisch im Programm auf, bis zum Fall der Mauer zunächst Die Skeptiker, Keine Haftung, Müllstation, Zorn, Feeling B, Die Firma, Naiv, Atonal, Papierkrieg und Keine Ahnung. Am 9. Dezember 1989 konnten dann endlich L'Attentat gespielt werden, als Antithese zu sämtlichen vorgenannten Hinderungsgründen. Fortan gab es politisch eindeutig verorteten Punk fast im Übermaß zu hören, inklusive weiterer "historischer" No-Go's wie Schleim-Keim, Freygang, Paranoia, Flexibel oder Küchenspione. Das erklärt sich zum einen durch einen gewissen "Nachholebedarf", zum anderen dadurch, dass diese Musik nun verstärkt auch von den Hörern im Programm präferiert und gewünscht wurde.
Es gehört zu den unbestreitbaren Verdiensten von Lutz Schramm, daß er nicht nur vor, sondern auch nach der sogenannten "Wende" in seinen Sendungen vor allem sehr jungen, "kleinen" Bands ein überregionales Podium gab. Wo früher die omnipräsente Staatssicherheit die unsichtbare größte Bedrohung für diesen Einsatz darstellte, war es nun das kommerzielle Musikgeschäft, das mittels Promotion für mehrheitsfähige Produkte permanent Radiosendezeit zu okkupieren versuchte. Schramm hielt, neben seiner subjektiv trendbefreiten internationalen Musikauswahl, an den unzähligen mit Herzblut erstellten Demo-Tapes fest, die er alsbald parallel in der 1990 neugegründeten ostdeutschen Musikzeitschrift "Neue Musik Informationen (NMI)" (im Juli 1991 mit dem Leipzig/Berliner Fanzine "Messitsch" zur "NMI/Messitsch" vereinigt) rezensierte. Typische "wendebefreite" Bandgründungen wie De Brüh oder Stonebeat verdanken ihm mit Sicherheit besonders viel von ihrer Popularität, darüber hinaus waren überregional bekannte und erfolgreiche Newcomer wie Dritte Wahl oder The Inchtabokatables selten im Programm, in dem stattdessen zahllose mehr oder weniger ambitionierte Eintagsfliegen aus den Grenz- und Ödländern des Rock & Pop präsentiert wurden. Auch durch die anschwellende Flut von crustigem Urgeschrei aus allen Provinzen, die ihn auf Magnetband und in Hörerbriefen erreichte, zeigte er sich regelmäßig herausgefordert, versuchte sie aber weiterhin adäquat abzubilden. Überlieferte Vorbehalte wegen seiner Vergangenheit als "Staatsknecht" auf der "Gegenseite" führten zu skurrilen verbalen Schlagabtäuschen, die 1993 in einem (durchaus witzig gemeint/gemachten) sogenannten "Anti-Lutz-Schramm-Sampler" mit dem Titel "...aber auch hier gilt..." gipfelte. Das vervollständigte Zitat "... die Qualität sollte besser sein!!!" verweist auf Schramms perpetuiertes Missverständnis, die in seinen Ohren mangelhaften Aufnahmen wären nur das Produkt überwunden geglaubter technischer Einschränkungen. Krach & Rauschen als frontaloppositioneller Ausdruck der Verweigerung gegenüber einer fremdbestimmten Menschenverwertung, egal unter welchem System, blieb eine ungeklärte Überforderung eines Radioformates wie "Parocktikum".
Das Ende der Sendung erfolgte schließlich durch medienstaatsrechtliche Winkelzüge, die hier auch unbeleuchtet bleiben sollen. Lutz Schramm gab seine oft überstrapazierte Verantwortung für eine Musikauswahl, die stets vielen widerstrebenden Erwartungen gerecht werden sollte, nicht ohne Erleichterung auf. Die letzte Sendung am 24. Februar 1993 beschloß er mit einer sehr persönlichen, "sprechenden" Playliste: Hard Pop "Katjuscha" / AG Geige "Trickbeat" / Ulrike am Nagel "Beer is murder" / Neu Rot "Im Kreis" / Die Art "Irish coffee" / Herr Blum "Hochhäuser" / Bunte Trümmer "Show me the way" / Slick "Disappointed" / Feeling B "Revolution Nr.89". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Weiterlesen: Zwischenbericht eines Jung-Produzenten - Unterhaltungskunst 10/1988 | "Spule, Feedback und Zensur / Interview mit Lutz Schramm (DT 64)", in: Galenza / Havemeister 1999, S.288ff.

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