Keks

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Band aus Berlin, 1978 bis 1985.

Gegründet als typische DDR-weichgespülte Poprock-Band mit diversen profillosen Produktionen für die dünn gesäten Nachwuchs-Sampler des Amiga-Labels unterlag dieses Ensemble mehrere Jahre der gleichfalls typischen Musiker-Fluktuation einer nur mittelmäßig erfolgreichen Band, d.h. dem Weggang zu kommerziell vitaleren Ostrock-Combos. So wechselte der zwischenzeitliche Keks-Sänger (und später zu zweifelhaftem Schlagerruhm konvertierte) Ralf "Bummi" Bursy 1982 zu den Poser-Rockern Prinzip.

Die verbliebenen Ur-Kekse Ralph Oelschlägel und Wolfram Schäfer erhielten Anfang 1982 frisches Blut durch Sebastian Baur von der Blues-Legende Monokel und Jörg Skaba von der abgedrehten Gaukler Rock Band (hier sorgte der spätere Pankow-Sänger André Herzberg für eine recht heftige frühe New Wave Note). Die derart runderneuerten Keks schafften es mit teilweise heikel-realistischen Texten in kessem Ostberliner Szene-Slang, ähnlich den zur selben Zeit neu entstandenen Pankow, für frischen Wind und berechtigte Hoffnungen im DDR Tonträger Einerlei zu sorgen (z.B. mit den Songs "Henriette", "Mein Geburtstag", "Komm auf mein Schloß" und "Wir lassen uns nicht schocken"). Wesentlich begünstigt wurde ihr Szene-Ruhm allerdings vor allem durch gewagte Punk-Coverversionen von Sex Pistols bis Madness in ihrem Live-Programm. Ein nun der Band vorauseilender Ruf als erste offiziell "erlaubte" Punktruppe der DDR führte zu starkem Andrang von Iro- und Lederjackenträgern bei Keks-Konzerten zwischen Rostock und Dresden, was manchen Auftritt in der Provinz vereitelte. In einer kurzen Laissez-Faire-Phase der DDR-Jugendpolitik blieb die Band selbst jedoch unbehelligt und durfte gar ein komplettes Album bei Amiga aufnehmen, das in seinen sämtlichen Bestandteilen als Sensation im schläfrigen Ostrock-Genre des Labels wahrgenommen werden durfte: die frechen Texte über schroffen Akkorden wurden live im Studio aufgenommen, der Kult-Song "Hasch mich Mädchen" tobte gar im Pogo-Rhythmus durch die Rille und auf den Coverfotos präsentierten sich Keks & Co. im Berliner Punker-Domizil Plänterwald mit Bockwurst vor vergammelten DDR-Wink-Elementen. Lediglich der unvermeidlich belehrende Covertext kratzte vorsorglich am "amateurhaften" Musikantentum des Quartetts.

Im Herbst 1983 kam es erstmals zu einer konzertierten Aktion des Ministeriums für Staatssicherheit gegen jugendliche Punks in der ganzen DDR, auch viele echte Underground-Bands (siehe z.B. Namenlos) wurden zersetzt, kriminalisiert und zerschlagen. Dieses Klima setzte scheinbar auch Keks ein schleichendes Ende: Rundfunk-Produktionen waren plötzlich nicht mehr möglich, bei den üblichen "Leistungsvergleichen" wurde die Band diskriminiert, sogar ihr Cover- und Poster-Grafiker Bernd Scheubert erhielt Berufsverbot. Schließlich stellten mehrere Musiker Ausreiseanträge, ein offizielles "Verbot" der Band hat es aber trotzdem offensichtlich nie gegeben. Stattdessen löste sie sich durch Musiker-Wechsel zu anderen Ost-Bands 1985 in aller Stille auf: Oelschlägel und Schäfer erlagen an der Seite der biederen Lederbraut Petra Zieger ihrem Mugger-Schicksal, Sebastian Baur stieß 1986 zu den Magdeburger Schwermetallern MCB, trimmte diese bis 1989 auf Motörhead-Kurs und wob so an einem weiteren Stück DDR-Nischen-Kult-Musike. Ab 1990 muggte er zunächst mit Lanz Bulldog, später Lazy Bones (zusammen mit der "Doro Pesch des Ostens" Ina Morgan a.k.a. Morgenweck) in den Metal-Kaschemmen der FNL bevor er sich ab 1995 als "Buzz Dee" bei De Buffdicks und schlußendlich im Knorkator-Line Up das endgültige Denkmal als Godfather dreier DDR-Underground-Welten (Blues / Punk / HM) setzte.

Netzinfo: Keks

Besetzung (1982 bis 1985)

  • Sebastian Baur - g, voc
  • Wolfram Schäfer - bg
  • Ralph Oelschlägel - keyb
  • Jörg Skaba - dr

Musik (Auswahl)

  • 1982: Abitur, auf: "Das Album - Rockbilanz 1982" (DLP Compilation, Amiga 855970-71)
  • 1982: Mein Geburtstag, auf: "Linie 6 - Neue Tanzmusik" (LP Compilation, Amiga 855964)
  • 1983: Henriette / Alkohol (7", Amiga 456526)
  • 1983: Keks (LP, Amiga 855967)
  • 1996: Wir gehn zu mir, auf: "Beatkiste Vol.4" (CD Compilation, Edition BARBArossa)
  • 2008: Hasch mich Mädchen, auf: "Bad Taste, strange Music" (CD/Download Compilation, MUMOK Wien, Soundtrack zur Ausstellung "Bad Painting, good Art" comp. von Fritz Ostermayer)

Lesen

  • "Linie 31 - Neue Wellen auf Amiga", in URGH! Nr.7 (Juni 1995)
  • "Singende Gaukler und metallene Langeweile" Interview mit André Herzberg und Sebastian Baur, in: Galenza/Havemeister 1999

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