Tape Control 03 1993

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Das Pendel zwischen ganz Schlechtem und Allerfeinstem schlug in diesem Monat nicht so weit aus... Und noch erfreulicher ist, daß nicht etwa zu viel Mittelmaß vorliegt, sondern relativ viel vom Feinsten.

Der Hammer ist diesmal ein Tape aus Dresden. Need A New Drug. Nachdem die drei Soundarbeiter bereits eine LP bei einem kleinen westdeutschen Label draußen haben, wollen sie nun erstmal sehen, ob es nicht noch was besseres gibt. Das Tape "Sick of Trouble" ist also mehr ein Zwischen- als ein Rückschritt. Die 8 Songs, die uns in fetter, dröhnender Krachmanier geboten werden, sprechen über alles, was man in Dresden von 1993 erleben kann. Erbarmungslos. Der Schwarze Sack des Totengräbers, die rote, brennende Sonne: harter Stoff für harte Kids. Und der satte kompakte Klang ist fast da, wo er hin soll. Das gehört auf Sub Pop veröffentlicht!

Ein kleiner, schöner, sentimentaler Sampler gehört zum Besten unter den aktuellen Neuheiten. Für die Szene im Prenzlauer Berg eine Sache, die schon fast zu fällig ist, als daß überhaupt noch jemand daran geglaubt hätte. DJ Dörte, bekannt in den Clubs zwischen Schönhauser und Friedrichshain, hat einige Aufnahmen zusammengestellt, die überwiegend in der Regie von Toster, dem Sänger der legendären anderen entstanden sind. Zwischen Winter 1989 und Frühjahr 1990 hat Toster im Hinterzimmer-Studio von Gunther Krexx und im Auftrag des Ostrundfunks verschiedene Bands produziert. Einige von ihnen gibt es nicht mehr (die anderen, Tina Has Never Had A Teddybear), andere haben "es geschafft" (Bobo In White Wooden Houses, Messer Banzani). Eigentlich sollten diese Produktionen ein weiterer Versuch sein, die Monopolherrschaft von Amiga zu durchbrechen. Jetzt, wo diese Schlacht gründlich geschlagen ist, können wir mit einem "Sentimentalen Rückblick" wenigstens ein paar der Stücke im Walkman hören: "Missing your smile", "Marian", "Sunday".... und als ganz alte Tunes finden wir noch zwei stücke von Hard Pop (live, 1985) und - wer kann sich noch erinnern, von B.R.O.N.X. (mit Conny Bauer). Dazu ein schön designtes Cover.

Mehr so den harten Rock'n'Roll dreschen uns vier weitere Bands aufs Band. Neuerdings mit einem eigenen Schlagzeuger gesegnet ist Dear Padruga aus Berlin. Das erste Tape der vier läßt keine Mißverständnisse zu. Es muß schnell gehen (Faster Faster) und manchmal auch etwas pathetisch (The ace). Mit etwas mehr Studioerfahrung und jeder Menge guter Konzerte wird alles gut.

Eine gute Mischung aus Metalgrunge und einer seltsam verhallt gemixten stimme bietet die Kapelle Scidoo's Dead Slang aus Franken an. Endlich auch mal 'ne westdeutsche Band, die nicht die dröge Rockmugge runterschrubbt. Da finden sich auch mal vertrackte Rhythmen und auf dem Kassettencover die Texte zum nachlesen.

Dröhnend metallisch schepperts vom tape der Geraer Band Radiation Dust. Unter einschlägigen Fans sollen die fünf Doomer schon Aufmerksamkeit erregt haben. Und richtig: manchmal sind sie nicht so anstrengend, wie ich es bei Metal-Bands eben nicht mag. Es gibt den Mut zur Bündigkeit. Kann noch mehr davon vertragen.

Eine ungewöhnliche Mischung aus hartem deutschen Punk und etwas poserhaftem Metal spielt die Berliner Band No Exit. Nachdem ihre erste Kassette in weiten Teilen ziemlich lasch daher kam, haben die Ausgangslosen zugelegt. Der Mangel an gutem Studio und musikalischen Überraschungen fällt durchaus ins Gewicht. Vielleicht ist No Exit live besser.

Der etwas relaxtere Popsong ist die Domäne von Laika, einer Band aus Freiburg, die der ersten weltraum-Hündin ein Denkmal setzen will. Seit 1991 spielen vier junge Männer und eine ebenso junge Frau gemeinsam leichten Indie-beat, wie man ihn aus Australien oder dem spätachtziger England kennt. Mit einer Violine wird das gute Songmaterial zusätzlich aufgelockert. Mehr was für Fans von Electric Galenza und trotzdem nur auf MC.

Erwähnen möchte ich, der Vollständigkeit halber die Kassette von The House. Die Berliner Band hat einen gig im Franz-Klub mitgeschnitten und fünf Songs davon als Tape draußen. Mehr so Bluesrock, das. Musik voller attitüden, der eher zum Luftgitarre spielen verleitet, als daß er substantiell berührt