Tape Control August September 1992

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Was muß ich meinen geplagten Ohren immer zumuten... könnte ich jetzt schreiben, aber ich werde mich schwer hüten, denn immerhin gehört das Aufsaugen von Musik nicht nur schlechthin zu meinem Job, es zählt zu den vielen glücklichen Tätigkeiten, die mein junges Leben so lebenswert machen (neben Geld zählen, zum Beispiel). Niemand kann sich vorstellen, wie vielfältig das Material ist, was so da und dort von jungen Menschen auf dünne Tonbänder fabriziert wird. Und weil es sich niemand vorstellen kann, schreibe ich hier ein paar kurze Sätze über eben diese Bänder, die mit all ihren verschiedenen Ansätzen doch eines gemeinsam haben: sie sind unerhört.

Also, Volx, höret! Hört Leiterplatten. Denn Leiterplatten bieten Euch Geniales. Und mir glücklicherweise auch. Diesmal ein neues Band von 317 Wurst. Das ist Musik die keinem Wurst sein sollte, weil sie einfach den Nerv unserer geplagten, widervereinigten Generation trifft. "Sich vereinigen heißt reinigen" trällert uns der virtuos am elektrischen Gerät hantierende Sänger entgegen, was auch, zumindest so ähnlich, der brennende Willy wußte. Und überhaupt ist dieses Werk, unter dem Titel "Leckt alle Arsch" zusammengefasst, ein Pool aus Zitaten und Kolportagen. Ganz Produkt unserer medial-vervielfältigten Zeitgeistigkeit. Dabei aber kein schnöde blubbernder Sample-Krämpel, sondern gut abfedernde Elektrische-Körper-Musik aus der heftigen Abteilung. 317 ist nicht 242, schon weil 317 mit deutscher Text-Deutlichkeit die Dinge bei ihrem Namen nennt. Das ist nicht nur aufregend für einschlägig vorbelastete Steckdosenmusikliebhaber, sondern auch für Euch andere Arschlecker korrekt.

Ganz anders, aber auch wirklich ganz ganz ganz anders ist der Stoff der Voices of neucoelln. Die Tanzmusik aus dem Berliner Stadtbezirk im mittleren Süden der großen Metropole groovt uns auf Hiphoppige Art entgegen und vermittelt deutsche Worte von ungeahnter Schlichtheit. Popmusik muß schlicht sein. Blonde Sterne und Liebe, die sich nicht lohnt, gehören schließlich zum Alltag. Die abgehangene Variante, die die Voices fabrizieren, hat mich schon bei ihrem Senatsrock-Auftauchen überrascht. Was diese Knaben und Mädchen im zarten Twen-Alter treiben, hat etwas von der lasziven Lässigkeit der Neuen Berliner Welle, damals, als Namen wie Heiner Pudelko und Spliff noch Ohs und Ahs auslösen konnten. Und das Verrückte dabei ist, daß die Neuköllner zwar das alles kennen und schätzen, vor der Hand aber eher was mit Madonna und Prince anfangen können und von den Neonbabies wohl nur den Namen Humpe kennen, den aber nicht mit dem Namen der Band zu verbinden wissen. Ist die Stadt wieder reif für eine neue Welle des deutschen Schlagers, oder haben wir hier nur eine verirrte Schwalbe, die durch einen genetischen Defekt 10 Jahre zu spät aus ihrem Ei geschlüpft ist. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist das Tape der Voices of neucoelln nur in einer 50Stück-Auflage produziert worden, weshalb für Neugiereige und Fans Eile geboten ist. (Bestellung über: www.voices-of-neucoelln.de).

Der einfache Song, aufgenommen zu Hause oder im Probenraum, mit schlechtem, oder doch zumindest unzureichendem Equipment, das ist noch immer der Standart für die meisten jungen Bands, die ihre ersten Ergebnisse auf Bändern fixieren, um sie Freunden, Eltern und Fans zukommen zu lassen. (Und solchen Labertypen, wie Dir; d.S'zerin). Die Zongkonstrukteure, die übrigens erklärtermaßen nichts mit irgendeiner, schon gar nicht mir der Plattenfirma zu tun haben, sind inzwischen mit dem zweiten Tape am Start. Schlampe die ich bin, weiß ich nicht genau, ob ich einen möglicherweise vorhandenen Begleitbrief vermöhlt habe, jedenfalls weiß ich im Moment nicht, ob die 8 Zongs auf dieser Kassette irgendwie als Kauf-Tape zu erhalten sind. Sollte aber schon so sein. Die Zongkonstrukteure haben leider, wie gerade angedeutet, hat auch diese Band noch nicht die großen Möglichkeiten von Studios oder gar Labelunterstützung. Andreas, Lars und Sven laborieren irgendwo im Prenzl'Berg an ihren Werken und verteilen die Ergebnisse an... aber das hatten wir ja gerade. Es hört sich wohl etwas großspurig an, wenn ich hier deklariere, daß man diese Songs unter anderen Umständen ganz gut aufnehmen könnte. Vielleicht wollen die Drei das gar nicht. Jedenfalls finde ich einige der Ideen vorzüglich. Auch werden hin und wieder deutsche Texte verwendet, was das Verständnis eben leichter macht. Auf dem selben Tape waren einige Stücke der Terribles zu finden. Eine rein englischsprachige Variante der anderen Kapelle. Dadurch eigentlich weniger aufregend, obwohl alles andere Gesagte auch auf die zutrifft.

Die aus früheren Tapecontrols bekannte Band Bloody Waterfall aus dem verträumten Bischofswerda hat ein weiteres Mal zugeschlagen. Unter dem Titel "Art & Action" wollen sie die Welt "From the Nil bis to the Kongo" begeistern. Diese Form untergründiger Hausmusik findet man ja immer wieder auf Kassetten und deshalb sollte sich niemand darüber erheben. Die aufnahmetechnischen Probleme gehören zu den Gründen, warum das Hören dieses Bandes nicht ungetrübte Freude aufkommen läßt. Der Spaß den ich bei den doch hoffentlich parodistisch gemeinten Texten hatte, macht das aber wieder wett. Und Torsten Pauls Trompete erweicht die Herzen eines jeden Musikfans.

Sampler erfüllen in der Regel eine dokumentarische Aufgabe und sind deshalb so beliebt, weil man für relativ wenig Kohle einen guten Überblick über was auch immer bekommt. Die Sampler dieser Controlle kommen aus Stendal, wo sich Andreas Beller und Andreas Rockstroh zum Editieren eines Tape-Zines entschlossen haben. Nachdem es bereits einen "The Best"-Sampler gegeben hat haben die beiden jetzt Nummer II herausgegeben. Diesmal mit Ost/West-gemischter Besetzung. Und diesmal ohne Zine, weil das immer zu lange dauert. Bei erträglicher bis guter Qualität findet man Neues und Bewährtes von Hoax, Die Art, HAF, Ernährungsfehler, den Blockheads und anderen, 60 Minuten für 7 Deutschmark... Der zweite neue Sampler ist die Zusammenfassung eines Konzertes in Jarchau, in der Nähe von Stendal. Unter dem Motto "Rock gegen Abstumpfung" fand es am 24.Januar 1992 zur Unterstützung der Freunde des Jugendradios statt. Harte-Kern-Musik zum Abtanzen findet man hier: Müllstation, Lazy Bones, NFP, Sträss, Kurzschluss und Shit for Brains können auf diesem Wege in die trauten Stuben der Fans gelangen. Auch dieses Tape kostet 7 Mark, während eine weitere Kassette eine Mark mehr macht. Dabei handelt es sich um den Anti Lutz Schramm Sampler. Leider haben die Stendaler vergessen, mir dieses Band zu schicken, so daß ich nichts darüber sagen kann. Ich gehe aber davon aus, daß die Creme der Szene auf diesem Tape zu hören ist, denn nur wer mir und meinesgleichen nicht in den Arsch kriecht, verdient meine Achtung und die Achtung der Szene.

Das letzte Tape in der aktuellen Kontrolle-Runde kommt aus Sömmerda. Steffen Schölzel, der einigen von seiner Mitwirkung bei Brechreiz 08/15 bekannt sein dürfte hat einige seiner Songs jetzt allein unter dem Namen Darkwave auf ein Tape gebannt. "Nightmare und Reality" sind die Eckpunkte seiner kleinen Exkursion durch die Dunkle Welt des Lebens. Diverse Gitarren und ein Casio-Trommler waren sein Handwerkszeug, wobei eben auch hier die schlichte Ausstattung mit technischen Geräten eine ganz eigene Ästhetik enstehen läßt. Es klirrt und scheppert, was mithin auch zu der Gesamtstimmung passt. Gitarrenorientierte Düsternis hat ja, zumindest nach meinem Geschmack, etwas Eindeutigeres, als das Gewaber mancher Gruft-Schönlinge. Insofern kann man gespannt sein, was Steffen demnäxt noch so einfällt.