Tape Control Oktober-November 1992

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  • Autor: Lutz Schramm
  • verfasst: 1.9.1992
  • veröffentlicht: 1.10.1992

Das ich das noch erleben darf! So viele Bandmeterchen, alle bespielt und umhüllt von ganz verschiedenen Covers. Der Sommer hat die jungen Kapellen im Lande ganz offensichtlich dazu gebracht, ihre Tapes herauszurücken, damit ich Euch etwas darüber aufschreiben kann. Wer weiß, wie schnell es geht, bis ich wieder nur über diese Sachen schreiben kann, weil die Radiopolitiker diesen Krach nicht mögen.

Ich hoffe, die Bands werden trotzdem weiter dabei sein. Die bekannten und natürlich auch die ganz neuen. Zum Beispiel STEVE & THE INVISIBLE GUITARS aus der Hauptstadt. Es gibt diese Band schon seit über zwei Jahren, ihre erste Kassette und den neuen Namen hat sie aber erst kürzlich gefertigt. Nach vielen Musikerwechseln und ein wenig Zivildienst zog man geschlossen ins Insel-Studio, wo "Get pissed by peace" aufgenommen wurde. 11 Songs aus dem Leben, deftige Beats und bündige Gitarren. Ganz außer der Reihe schleicht sich auch mal ein Folkeinfluß ein, in der Regel sind's aber die unüberwindlichen Gitarren, die den Ton angeben. Beachtlich.

Der schlichte Beat englischer Prägung ist das Markenzeichen von WHERE IS THE BEEF, einer Dresdner Band, die schon einiges an Bandmaterial abgeliefert hat. Die neue Kassette der Band, in neuer Besetzung aufgenommen stammt schon aus dem April dieses Jahres. Keine Überrschung, die Songs sind solide verfasst und werden recht ordentlich vorgetragen. Da ist dann bald mal eine Platte dran, sonst wird das nichts.

Im Brandenburgischen Cottbus sind nicht nur die großen Sandow zu Hause. Es gibt einige andere Bands, unter ihnen AWC und BIG ENEMY. Das Quartett AWC hat die frühen Punkwurzeln nicht vergessen, sich mittlerweile aber zum stabilen Baum entwickelt, dessen Früchte als deftige Lieder in unsere Gehörgänge gefegt werden. Das derweil dritte Tape von AWC "Only Seconds" beinhaltet spartanische vier Songs, die immerhin abwechslungsreich genug sind, um dem Hörer und der Hörerin Freude zu machen.

Irgendwo zwischen Himmel und Erde, zwischen erdigen Trommelschlägen und schwebenden Klängen bewegt sich BIG ENEMY. Die Band von Lulu, Bernard und Murphy gibt es nun auch schon ein paar Jahre. Immer in der Cottbuser Szene unterwegs, von Freunden aus anderen Bands unterstützt (auch diesmal spielen Tilmann Fürstenan von Sandow und Peti von Peti plays the Blues nomore mit) haben die drei ihre Kassette "Made in Heaven" aufgenommen. Neben dem originellen "No more fucking West Bam" hat mich das Stück von den "Minnesinging knights" überrascht. Und es gibt einige Hits, wie "Rainbreakers" und den Titelsong. Die traurige Grundstimmung wird durch das Cover und die Bilder im beiligenden Textheft illustriert. Das Textheft bietet übrigens deutsche Übersetzungen zu den durchweg englischen Texten.

Die Vielfältigkeit nationaler Popmusik kann man wohl auch an den vielen verschiedenen Kassettenangeboten erkennen. Neben den bisher besprochenen Bändern finden sich natürlich auch andere Stilistiken. Da wäre zum Beispiel deftiger Funk aus Dresden. Noch nicht bekannt aus, aber eben mit dem Bandnamen FUNK & FERNSEHEN präsentieren uns fünf sächsische Musikanten ihre Kassette "Suck!". Die leckeren Songs über "Pigs and Porkies" oder "Mr. Wrong" federn heftig übers Band und können, bei guter Soundlage fett und schrill aus den Boxen dröhnen. Ganz aus der Reihe fällt ein Tape aus Leipzig. Das Projekt PSYCHOHYGIENE von Jan Uhlig bietet deftige Electro-Beats. Von Andre Kobe am Mikrophone untestützt, donnert er auf seiner Kassette "Alles ist erlaubt" über junges Blut der Begeisterung und Wille, Kraft und Ketschup. Im Osten gibts ja bisher nicht allzuviele dieser harten Electro-Varianten. Und in diesem Fall ohne Kompromisse in Wort und Ton.

Auch kompromisslos aber leider nicht ganz so originell gibt sich die Brandenburger Kapelle AUSSER BETRIEB. Da ist das schlichte Punk-Ding angesagt. Johnny Scrap präsentiert auf seinem Label Schrottplatz-Tapes das Band "Aber ohne mich". Die Schande der Welt mit all ihren fiesen Erscheinungen wird an der Pranger gestellt. Das ist zwar alles sehr richtig, aber irgendwie auch nicht sehr unterhaltsam. Ganz entzückend dagegen ist die Kassette einer kleinen Mädchen Band aus Bremen. Genauer eines Mädchen-Duos. DIE MÄDCHEN. Susi und Katherina heißen sie und pflegen den deutschen Schlager mit allen Konsequenzen. Auch mit der, daß sie ihre eigenen Texte dazu geschreiben haben. Da geht es um den Bombenentschärfer Harry und es gibt ein Pickel Jingle, eben die Themen unserer Zeit, auf den Punkt gebracht.

Das Beste zum Schluß?. Da wäre ein Essen mit Eingeborenen, serviert von den Berliner NONAME. Über die kurze Karriere der vier hat bereits die letzte NM!/Messitsch berichtet. Der Soundtrack zu diesen Worten klingt dann doch etwas sanfter, als es die Konzerte der Band vermuten lassen. Zum Abhotten leider nicht die richtige Musik, dafür geradezu solide eingespielt. Hätte vielleicht auch gleich als Platte rauskommen können. Wenn die Labels bloß nicht so lahm wären. Aber schlußendlich kann man davon ausgehen, daß NONAME erst am Anfang einer hoffentlich längeren Karriere steht.

Aus dem verträumten Neubeuern hat mich die zweite Ausgabe der TUBEBREAK-Kassette erreicht. Dieses Projekt ist keine Band, sondern ein kleines Heft mit einem Tape. Im Heft erfährt man etwas über die 15 Kapellen, die man auf dem Band hören kann und bekommt eine riesige Liste mit Szene-Adressen geliefert. Jugendfreizeit Heime zwischen Bodensee und Kap Arkona, sowie Radios, Zeitschriften, Bands usw... Die vorgestellten Bands haben alle keine eigenen Platten vorzuweisen und bieten Musik fast aller Stilistiken, vom deutschen Punk bis zum englischen Beat-Pop. Wer mal wieder etwas Abenteuer in Sachen Musik erleben will, sollte dieses kleine Paket anfordern, zumal es als Zugabe noch eine Single aus Frankreich gibt.

Und wenn Ihr eine Band kennt, oder gegründet habt und igrgendwo ein bissel Band bespielt habt, schickts doch einfach an NM!/Messitsch. Bis dahin

Lutz Schramm